Tschüss Winterblues: Ein Selbstversuch mit einem Lichttherapie-Gerät

Winterdepression? Die gibt’s wirklich. Wie sie sich auswirkt und wie ich sie mit «echtem» Tageslicht aus einem Lichttherapie-Gerät behandle: ein Selbstversuch.

Kennt Ihr das auch? Wenn sich der Herbst dem Ende zuneigt, wird man müder. Am Morgen, tagsüber und am Abend. Und irgendwie lässt auch die Produktivität spürbar nach. Am liebsten würde man sich in den Winterschlaf flüchten (mindestens bis Februar).

Woran kann das liegen? Am Alter? Ist ein gesundheitliches Problem die Ursache? Oder gibt es gar keine individuellen Gründe? Handelt es sich bei den Stimmungsschwankungen, unter welchen in dieser Jahreszeit Viele leiden, um eine völlig natürliche, saisonale Sache?

Recherche

Ob Google, die Mutter aller Suchmaschinen, auch die Antworten auf diese Fragen findet? Also google ich nach «müde im winter», und finde Tipps gegen die Wintermüdigkeit, eine psychosoziale Betrachtung eines Professors für Neurologie, Psychiatrie und Psychotherapie und ein knappes Dutzend Antworten auf die Frage «Der Winter macht mich sooo müde. Was tun?» bei gutefrage.net.

Ich suche weiter nach «Winterdepression» und klicke mich durch zu einem Artikel bei Wikipedia, absolut irdischen Tipps bei jesus.ch und Erklärungen im «Beobachter» zur saisonal abhängigen Depression (SAD).

Neben Hinweisen auf Ernährungsumstellung (vom Privatfernsehen boulevardgerecht aufbereitet in «Happy Food – Essen gegen Winterdepression») und Naturheilverfahren finde ich fast in jedem Onlineartikel Hinweise zu Lichttherapie, Tageslichtlampe oder Lichtbad.

Letzteres scheint eine viel versprechende und wirkungsvolle Therapie gegen den (auch) durch Lichtmangel ausgelösten Winterblues zu sein. Ich mache mich beim Kollegen Ivan Blatter und bei einer technisch-wissenschaftlichen Abhandlung über Tageslichtlampen schlau und stosse schliesslich auf das Angebot von Philips: das EnergyLight HF3319 mit Geld-zurück-Garantie bis Mitte Januar.

Selbstversuch am müden «Objekt»

Die perfekte (weil risikofreie) Ausgangslage für einen Selbstversuch, um meinen Winterblues auszutricksen, meine Müdigkeit wegzuleuchten, besser zu schlafen und den Winter von nun an mit endloser Energie zu überstehen? Einen Versuch am lebenden (und müden) Objekt ist’s wert…

Seit Mitte November sind wir Besitzer des EnergyLight, das viel grösser ist (B 36 x T 62 x H 22 cm), als man das aufgrund der Abbildungen vermuten würde:
energylight_full
(Grössenvergleich: Philips EnergyLight und MacBook Pro 13″)

Es steht bei uns zu Hause im Arbeitszimmer. Auf dem kleinen Schreibtisch, weil dort nicht regelmässig gearbeitet wird und genügend Platz für die Philips-Lampe ist. Sie steht bewusst nicht auf meinem etwas grösseren Arbeitspult, weil ich mir vorgenommen habe, die Zeit vor dem Anti-Winterblues-Gerät mit Musik und/oder Lesen zu geniessen und dabei möglichst nicht zu arbeiten.

Bei der Benutzung des EnergyLight gilt es nur wenige Punkte zu beachten. Gesundheitliche Risiken sollen gemäss Hersteller und Fachinformationen keine bestehen. Die Handhabung ist denkbar einfach:

  • Je näher die Lampe vor einem steht, desto kürzer ist die Behandlungszeit. Rund 30 Minuten reichen bei einem Abstand von 15-20 cm, bei einer Entfernung von 50 cm beträgt die Dauer rund 2 Stunden. Die Behandlung muss nicht am Stück erfolgen, sie kann unterbrochen und später fortgesetzt werden.
  • Ideal ist das Gerät aufgestellt, wenn man in Richtung des Lichts blicken kann. Es wird sogar empfohlen, ab und zu direkt ins Licht zu schauen (was selbst bei stärkster Lichteinstellung absolut erträglich ist).
  • Das Licht entspricht unserem Sonnenlicht, allerdings ohne den UV-Anteil. Deshalb kann das Gerät über längere Zeit und ohne Schutzbrille angewendet werden.

Ich habe meinen Tagesablauf nur wenig umgestellt, achte aber sehr darauf, dass sich schnell ein Ritual etabliert und sich das EnergyLight in meinen Alltag integriert. Für die erfolgreiche Therapie ist neben der Dauer auch die Regelmässigkeit des Lichtbads entscheidend. Ich folge der Empfehlung und sitze seither täglich an meinem «Leuchtpult».

Lichttherapie ins Morgenritual integriert

Seit Jahren setze ich mich am Morgen nach dem Aufstehen und Duschen mit einer Tasse Kaffee vor den Fernseher und lese die wichtigsten News aus Inland, Ausland, Wirtschaft und Sport im Schweizer Teletext (höre ich da ein Grinsen?). So verschaffe ich mir einen ersten Überblick und weiss, was ich später bei den Onlineportalen der etablierten Medien im Detail vertieft nachlesen will.

Seit wir das EnergyLight haben, lese ich Teletext nicht mehr am Fernseher – ich setze mich mit iPad und Kaffee vor das Lichttherapiegerät. Manchmal lese ich danach die vertiefenden Artikel direkt am iPad, dann und wann lese ich in einem Buch, meistens aber setze ich den Kopfhörer auf und höre Musik. Aufgrund des Abstands zwischen Lampe und Gesicht geniesse ich das Lichtbad während 30 bis 45 Minuten. Dafür habe ich mir auf dem iPhone eine Playlist mit einer Gesamtspieldauer von drei Viertelstunden zusammengestellt.

Das veränderte Morgenritual hat sich bewährt in diesen ersten Wochen. Sicher auch deshalb, weil die Anwendung der Lichttherapie keine einschneidende und umständliche Umstellung benötigt. Und weil es sich für mich wirklich gut anfühlt, so in den Tag zu starten.

Wirkung

Ich bin grundsätzlich sehr offen für Neues, aber bei Dingen à la «Gerät kaufen und alles wird gut» eher skeptisch. Und ich will auch nicht ausschliessen, dass mich das Lesen im Web beeinflusst hat – es gab kaum kritische Stimmen.

Aber ich kann wirklich sagen, dass ich nach den ersten 10 Tagen eine starke Verbesserung am Morgen festgestellt habe: nach dem Lichtbad verspüre ich tatsächlich mehr Energie, kann viel konzentrierter arbeiten und meine Produktivität und Effektivität haben sich deutlich verbessert.

Die Ermüdung im Laufe des Tages hat deutlich abgenommen. Je nach Tagesprogramm kann es durchaus sein, dass ich nach der Mittagspause noch einen klassischen Durchhänger habe. Dann setze ich mich noch einmal für rund 30 Minuten vor das EnergyLight. Danach geht’s wieder besser.

Seit wenigen Tagen setze ich mich zum Schreiben längerer Texte (wie diesen Blogpost) ans kleine Pult mit der Lampe. Ich glaube festzustellen (bewusst sehr vage formuliert), dass mir seither das sonst manchmal mühsame «Gebären» von Texten um einiges leichter fällt.

Zur Verminderung von Schlafstörungen kann ich nichts sagen, weil ich in der Regel gut ein- und problemlos durchschlafen kann. Ob mein Schlaf aber eine bessere Qualität hat, müsste ich mal mit einem Schlaftracker messen.

Ob mich das Philips-Gerät von der Winterdepression befreit hat, kann ich nicht sagen. Schlicht und einfach deshalb, weil ich nicht das Gefühl hatte, unter Gemütsschwankungen und Antriebslosigkeit zu leiden.

Fazit

Alles in allem habe ich das Gefühl, mehr Energie zu haben; grob geschätzt: vorher 70%, jetzt 90%. Die Behandlung hat eine subjektive Verbesserung in Bezug auf Energie und Müdigkeit, aber keine Veränderung im Schlafverhalten gebracht. Ich werde die Lampe weiter einsetzen und kurz vor Ablauf der Geld-zurück-Garantie-Frist entscheiden, ob sich die definitive Anschaffung lohnt.

Nachtrag 3. April 2015: Ich habe die Lampe noch immer und sie hat mir auch Herbst/Winter 2014/2015 wirklich mehr Energie gegeben.

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