Ungeduld und andere Schwächen

Vielleicht kennen Sie die Interviews auf der Fronseite von NZZ Executive: verschiedene Persönlichkeiten beantworten ein Standardset von Fragen – eine davon beschäftigt sich mit dem grössten, persönlichen Laster.

Robert Stark (Stark Content Blog – Danke für die Anregung!) ist aufgefallen, dass viele der Befragten die gleiche Antwort geben: „Ungeduld“.

Die Ungeduld als Schwäche? Raffiniert, raffiniert!

Wenn Sie sich mit der Rekrutierung von Mitarbeitenden beschäftigen, werden Sie das gleiche aus Vorstellungsgesprächen kennen. Auf Ihre Aufforderung – „Erzählen Sie doch mal von Ihren Schwächen … “ – antwortet der Kandidat (mit einem angedeuteten Schulterzucken): „Meine Schwäche ist wirklich die Ungeduld!“ – und lehnt sich souverän zurück. (Auf das Problem, das Sie sich einhandeln, wenn Sie hier nicht rigoros nachhaken, gehe ich hier nicht ein.)

Hier stellt sich die Frage, wie wir im Alltag (beruflich, privat etc.) mit Schwächen umgehen.

Schwächen und Menschlichkeit

Natürlich wissen wir alle, dass jeder Mensch neben Stärken auch Schwächen hat. Und wir freuen uns sogar irgendwie darüber: Schwächen machen ja sooo menschlich und ermöglichen, ein Wir-Gefühl über alle hierarchische Stufen hinweg in uns zu wecken.

Und deshalb fordern wir Politiker, die menschlich sein sollen (weil sie eben auch nicht alles im Griff haben), wünschen Chefs (die auch nicht perfekt sind) und suchen nach dem Lebenspartner (mit Ecken und Kanten – natürlich).

Die Schwächen anderer

Alles kein Problem, solange solche Schwächen nur in der allgemeinen Wahrnehmung stattfinden. Aber wehe, wenn sie ganz konkret und real werden: Der Vorgesetzte, der mal keine Antwort weiss. Die Politikerin, die mit 10 km/h über dem Erlaubten geblitzt wird. Der Lebenspartner, der partout nicht von seiner Meinung abrücken will. Dann wird ebenso engagiert wie laut reklamiert: „Es kann doch nicht sein, dass einer, der, …“

Wir und unsere eigenen Schwächen

Und wie stehten wir zu unseren eigenen Schwächen? Nicht allgemein – ganz konkret? Ein paar Denkanstösse …

  • Kenne ich meine eigenen Schwächen wirklich? Wie gehe ich damit um? Kann ich sie akzeptieren? Wie kann ich sie in den Griff bekommen, indem ich beispielsweise rechtzeitig erkenne, dass ich gegensteuern muss?
  • Wenn ich meine Schwächen kenne: habe ich auch nach aussen hin den Mut, dazu zu stehen (was ja nicht heisst, dass ich sie gleich jedem auf die Nase binden muss)?
  • Wenn ich dazu stehen kann: Kann ich mir dann z.B. eine berufliche Tätigkeit suchen, die zu mir (und zu meinen Fähigkeiten) passt? Und treffe ich dort auf Kolleginnen und Kollegen, die andere Schwächen (und Stärken) haben und wir uns so zu einem erstklassigen Team ergänzen können?
  • Wie steht’s damit im privaten Umfeld? Bin ich offen dafür, mich im Bereich meiner Schwächen durch meinen Partner/meine Partnerin, durch Freunde und Bekannte ergänzen und unterstützen zu lassen?

Schwächen sind dann gefährlich, wenn wir von ihnen überrascht und/oder dominiert werden. Wenn wir aber unsere Schwächen kennen (und akzeptieren) und es schaffen, mit ihnen umzugehen, dann werden wir auch offen darüber sprechen können. Und müssen nicht die Plattitüde – „Meine Schwäche ist die Ungeduld“ – zu Hilfe nehmen. ;-)

Lesen Sie dazu auch: Stärken und Schwächen.

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